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Und ewig lockt das Weib
Hallo, Frau Kaiser!
Damenwahl

Aus Fimo modelliert die Münchner Künstlerin Josephine Kaiser verführerische Miniatur-Pin-ups, die nicht mit Reizen geizen.
Dralle Schenkel, pralle Brüste, knallrote, kess geschürzte Schmolllmündchen – würden diese Körperteile unter den Händen eines Mannes geformt, fände man das vielleicht fast ein wenig anstößig. Immerhin ist das Kneten an sich schon ein taktiler, höchst sinnlicher Akt. Da wundert es doch, dass es eine Frau ist, die die teils maskiert, bestrapst oder gestiefelten Damen erschafft, die sich da so lasziv räkeln, in erotische Posen werfen oder auch mal keck ihr Röckchen heben. Oder vielleicht auch nicht? Würde ein Mann zum Beispiel einem ein Millimeter großen Glanzlicht auf einem Auge seine volle Aufmerksamkeit schenken? In aufwändiger Intarsien-Arbeit modelliert Kaiser winzig kleine, verwegen geschwungene Lidstriche und Wimpern, entzückende Nasenlöcher oder verführerische Dessous-Verzierungen. Apropos Unterwäsche: Manche dieser Damen tragen gar keine und gewähren somit sehr intime Einblicke. „Als Kind schon haben mich immer die ordinären Witz-Cartoons fasziniert, in denen sich Frauen mit großer Oberweite aus Kalkül immer ein wenig dümmer machen, als sie sind, und dabei ganz unschuldig schauen“, sagt Josephine Kaiser, während sie eine fleischfarbene Miniatur-Brustwarze mit ruhiger Hand anbringt. „Ich hätte wohl auch Zahntechnikerin werden können. Aber Brustwarzen interessieren mich eben viel mehr als Zähne“, erklärt die 36-Jährige schmunzelnd.

Pro- und dekorierend
Vor zwölf Jahren entdeckte die Künstlerin den Werkstoff Fimo für sich, eine Art Plastilin, das nach Formung im Backofen getrocknet und damit gehärtet wird und danach ein fast porzellanartiges Aussehen besitzt. „Das Material kenne ich schon seit der Kindheit. Bei uns im Osten – ich in bin Ost-Berlin aufgewachsen – hieß es damals Suralin und war beim Kneten schrecklich hart“, erinnert sich Kaiser. Die Liebe zum westlichen, leichter formbaren Pedant entstand schließlich aus Not heraus: „Ich musste ganz unbedingt eine Tim-und-Struppi-Buchstütze besitzen, die im Laden aber sündhaft teuer war. Hundert Euro waren für mich für so einen Staubfänger einfach nicht machbar. Also hab ich sie mir selbst aus Fimo geknetet“, so die Autodidaktin. Blickt man sich in ihrer Schwabinger Wohnung um, entdeckt man ein buntes Sammelsurium an originellen Comicfiguren, aber auch Afrikanischen Skulpturen und viel Dekorativem aus den 50er Jahren wie etwa Keramik-Wandmasken. „Die 50er Jahre faszinieren mich sehr“, sagt die zweifache Mutter. Kein Wunder also, dass auch ihre Figuren einen leicht altmodischen Charme besitzen und einige in Aussehen und Posen an Pin-up-Girls wie etwa Bettie Page erinnern. Kaisers Pin-ups werden ihrem Namen gerecht, auch wenn es sich nicht um zweidimensionale Bilder sondern um Halbreliefs handelt: Schließlich pinnt man die 15 bis 20 Zentimeter hohen Figuren an die Wand.

Manche der Damen kommen einem seltsam bekannt vor. Wo hat man sie schon gesehen? In der Werbung, im Kino, im Museum? Die Münchnerin bedient sich vielerlei unterschiedlicher Versatzstücke und zitiert Historisches und Bekanntes, wobei sie ihre Vorlagen ironisch bricht, indem sie sie verdichtet, idealisiert und erhöht. Da gibt es zum Beispiel eine Dame mit Gorilla-Maske, die King-Kong und die weiße Frau in Personalunion darstellt, aber auch an Marlene Dietrichs berühmten Tanz mit der Gorilla-Maske in „Blonde Venus“ erinnert.

In der Venusfalle
Ähnlich selbstbewusst und verführerisch wie die Hollywood-Diva, die in dem Film „Marokko“ als Mann gekleidet eine andere Frau küsst oder in „Der große Bluff“ schlüpfrige Lieder mit rauchiger Stimme zum Besten gibt, wirken Kaisers Figuren. Verführung erfordert Taktik. Nur dank perfekter Inszenierung, sanfter Manipulation und charmanter Bezauberung gehen den Damen Opfer in die Falle. Die Kunst des Verführens besteht aber im Wesentlichen darin, dem Verführten in keinem Augenblick das Gefühl zu vermitteln, er werde beeinflusst. Den etwas neckischen und dabei unschuldigen Augenaufschlag beherrschen Kaisers Fimo-Fräuleins perfekt. Schon ein paarmal konnte man die Plastillin-Pin-ups, die zwischen 450 und 650 Euro pro Stück kosten, in München sehen, unter anderem in den DomagkAteliers, in der Wiedefabrik und im Rahmen der Kunstmesse Stroke.02.

Ein paar der Figuren schauen aber auch der Künstlerin erstaunlich ähnlich oder tragen sogar ihre Kleidung. Das ist kein Zufall. „Einmal hab ich mich unsterblich in einer Schwabinger Boutique in ein Kleid verliebt. Ich konnte es mir aber nicht leisten und die Verkäuferinnen hatten kein Erbarmen und ließen in punkto Preis nicht mit sich reden. Da hab ich es einfach einer meiner Ladys an den Leib geknetet, die Figur für genau den Preis des Kleides angeboten und verkauft. So konnte ich mir den Fetzen dann leisten“, lacht die (Lebens-)Künstlerin. Josephine Kaiser, die in ihrer Kunst die Kunst der Verführung perfekt beherrscht, ist also selbst Opfer – wenn auch meist von hübschen Textilien. Wobei diese ja wiederum wunderbar beim Verführen helfen können…

Annette Wild

Kontakt: JosephineKaiser@gmx.net

(Statements von Käufern)

Warum haben Sie eine Figur von Josephine Kaiser gekauft?
„Ich habe eine Figur von Josephine Kaiser gekauft, weil mir eine Freundin ein kleines Leaflet von ihr in die Hand gedrückt hat. Ich war begeistert von den darin abgebildeten Damen, denn Josephine Kaisers Fimo-Kunst ist ja auch eine Hommage an die nicht so schlanke und perfekte Frau. Mein Mann, fand die „Mädels“ richtig süß und sexy und deshalb habe ich ihm eine davon zu Weihnachten geschenkt.

Für mich sehen sie aus wie schön verpackte petit fours. Die Kleine hängt
erst seit kurzem in unserer Wohnung. Der Kommentar eines Freundes war
„olala“!“ (Julia Corssen)

„Ich hab ein Objekt von Frau Kaiser gekauft, weil mich fasziniert, wie detailliert und liebevoll diese Figuren gemacht sind, weil sie witzig und originell sind, weil sie Comic und Realismus vereinen und weil sie so authentisch sind, das heißt, man viel darin wiederfindet, was die Künstlerin ausmacht.“ (Carl-Heinz Daxl)

„Was mich an diesen Figuren begeistert, ist ihre handwerkliche Kunst. Unglaublich, wie detailreich die Falten eines Kleides, von Wimpern, Nasenlöchern, ja sogar Schamlippen gearbeitet sind. Mir gefällt auch, dass die Stücke wirken wie aus einer anderen Zeit. Außerdem kann man sie sich gut in die Wohnung hängen – so blöd sich das jetzt vielleicht anhört. Ich meine damit, dass sie jeden irgendwie ansprechen und nicht zu abstrakt sind.“ (Elena Ongyerth)